Ein satter Körper sendet dem Gehirn eigentlich Stoppsignale. Die Forschenden zeigten, dass diese biologische Bremse durch Bilder energiereicher Snacks wie Chips oder Schokolade übersteuert werden kann. Die Reize aktivieren das Belohnungssystem weiter, obwohl der Körper keine Energie mehr benötigt.
Prinzip der Appetitregulation
Unser Körper steuert Hunger und Sättigung normalerweise über ein hormonelles Regelnetzwerk. Sinkt der Energiegehalt im Blut, steigt die Konzentration des Hormons Ghrelin. Dieses Signal fördert das Hungersignal und aktiviert im Gehirn die Motivation zur Nahrungsaufnahme. Nach einer Mahlzeit verändern sich mehrere physiologische Signale gleichzeitig: Der Blutzucker steigt, das vom Fettgewebe produzierte Hormon Leptin spiegelt den Füllstand der Energiespeicher wider, und über den Hypothalamus werden Sättigungssignale verstärkt. Das System sorgt normalerweise dafür, dass das Interesse an Nahrung nachlässt, sobald genügend Energie aufgenommen wurde.
Ein satter Körper sollte den Wert energiereicher Lebensmittel daher herunterregeln. Im Experiment geschah das jedoch nicht. „Was wir beobachtet haben, ist, dass das Gehirn sich schlicht weigert, den Belohnungswert eines Lebensmittels herunterzustufen, ganz gleich, wie satt man ist“, berichtet Studienleiter Thomas Sambrook von der University of East Anglia. „Selbst wenn Menschen wissen, dass sie das Essen nicht mehr wollen, sendet ihr Gehirn weiterhin ‚Belohnung!‘-Signale, wenn das Essen erscheint.“
Keine Frage der Persönlichkeit
Das betrifft offenbar auch Menschen, die sehr zielgerichtete Entscheidungen treffen (die Autor:innen messen das sogenannte „modelbasierte Lernen“): In der Studie fand sich kein Unterschied zwischen der Gehirnaktivität von Testpersonen mit unterschiedlicher Entscheidungsstrategie. „Der Anstieg von Übergewicht hat nicht einfach etwas mit Willenskraft zu tun“, interpretiert der Forscher seine Ergebnisse. „Er zeigt vielmehr, dass unsere von Lebensmitteln überflutete Umwelt und unsere erlernten Reaktionen auf verlockende Reize die natürlichen Appetitkontrollen des Körpers überlagern.“
Die Messungen zeigten also eine Art Fehlanpassung zwischen zwei Ebenen der Steuerung: Während das bewusste Bewertungssystem das Lebensmittel nach dem Sattessen weniger attraktiv findet, reagieren automatische neuronale Prozesse weiterhin stark auf die entsprechenden Reize. „Das ist gewissermaßen ein Rezept fürs Überessen“, sagt Sambrook.
Und was bedeutet das im Alltag?
Nur auf Willenskraft zu setzen, wenn Du weniger Süßigkeiten oder salzige Snacks essen willst, scheint vor diesem Hintergrund eine schwache Strategie zu sein. Erfolgversprechender ist es, Dein Gehirn vor verführerischen Reizen zu schützen:
- Kaufe keine Snacks auf Vorrat, die dich dann zu Hause „anlachen“.
- Setze bei attraktiven Snacks auf kleine Packungen, auch wenn diese im Verhältnis teurer sind. Es besteht sonst die Gefahr, dass Du einfach mehr davon isst – das spart kein Geld und versorgt Dich mit zusätzlichen Kalorien.
- Lass Dich nicht von „Maximize“ oder „2-für-1“-Angeboten verführen: An der Kinokasse kannst Du noch entscheiden, ob Du eine kleine oder große Tüte Popcorn essen willst - hast du sie erstmal auf dem Schoß, wirst du mit hoher Wahrscheinlichkeit „aufessen“.
- Du kannst bei Snacks und Süßigkeiten den „Kalorienpreis“ ermitteln und bei Deiner Kaufentscheidung berücksichtigen. Eine Tüte Weingummi kostet vielleicht unter einem Euro – aber 350 Kilokalorien.
- Werbung für leckere Snacks wirkt auf Dein Gehirn – sieh besser nicht hin.
Außerhalb des Labors ist unser Essverhalten viel komplexer: Stress, Gewohnheiten oder soziale Situationen spielen eine entscheidende Rolle bei unseren Ernährungsentscheidungen. Die Studie liefert einen Einblick in einige Mechanismen, die unser Verhalten unbewusst steuern. Der „innere Schweinehund“ sitzt demnach nicht im Bauch – sondern im Gehirn.
Thomas D. Sambrook, Andy J. Wills, Ben Hardwick, Jeremy Goslin, Devaluation insensitivity of event related potentials associated with food cues, Appetite,Volume 218,2026,
https://doi.org/10.1016/j.appet.2025.108390.